Pressemitteilung vom 25.11.2003"Ich hatte mir Euch ganz anders vorgestellt"Die Veranstaltung "Das Leben nach dem Urteil. Frauen im Knast" beim BDP Babenhausen räumte gründlich mit Vorurteilen auf. Auf Einladung des BDP Babenhausen waren am 23. November Karin Greifenstein, Seelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt in Preungesheim und zwei Frauen, die Insassinnen in der gleichen Haftanstalt sind, zu einem Gesprächskreis in das Jugendcafé nach Babenhausen gekommen. Auf dem Boden war der Grundriß einer Gefängniszelle in Originalgröße ausgebreitet worden. So konnten die interessierten BesucherInnen der Veranstaltung schon vor dem Gespräch einen Eindruck über die sehr beengten Bedingungen in der Haft bekommen. Neugierige Blicke zogen die beiden Frauen auf sich, die sich bereit erklärt hatten, über das Leben im Knast zu informieren. Karin Greifenstein fasste zunächst die Regeln des Gesprächs zusammen "Es sind alle Fragen erlaubt, aber es werden nicht alle beantwortet werden." So blieben denn auch einige aufdringliche Fragen unbeantwortet. Insgesamt zeichnete sich die Runde durch eine offene Neugier aus, die die Informationen der beiden sympathischen Frauen begierig aufnahm. Eine der ersten Fragen war natürlich die nach der Tat: Warum bist du im Knast? Doch um Schuld und Strafe ging es nicht in der Hauptsache. Die meisten Fragen drehten sich um den Alltag und die Organisation von Kleinigkeiten, um die Zukunftspläne der beiden Frauen. Dabei gab es viele Fachwörter zu klären, die von den drei Referentinnen wie selbstverständlich benutzt wurden und sich zwar gleich irgendwie nach Justiz anhörten, doch nicht leicht zu durchschauen waren: Einschluß, offener und geschlossener Vollzug, Freigang, Zelle oder Zimmer, Hofgang. Verwirrend, denn auch im offenen Vollzug ist man hauptsächlich im Gefängnis und trotz geschlossenem Vollzug kann man Freigang bekommen. Im offenen Vollzug wird die "Zelle" nicht Zelle sondern Zimmer genannt, auch wenn die Ausmaße ungefähr dieselben sind. Ein Unterschied liegt darin, dass die Toilette nicht offen im Raum steht, sondern durch eine Wand abgetrennt ist. Auch die Regelung der 'Frei'zeiten ist großzügiger als im geschlossenen Vollzug. So berichtete eine der beiden Frauen, dass sie außerhalb der JVA ganz normal zum Frisör oder ins Solarium gehen kann. Im geschlossenen Vollzug ist das nicht möglich. Sogar die Besuchszeiten sind streng reglementiert. So dürfen die Insassinnen nur zwei Mal im Monat für zwei Stunden Besuch empfangen. Die ganze Zeit über sind dabei BeamtInnen anwesend, die überwachen, dass beispielweise keine Drogen eingeschmuggelt werden können. Alle Strafgefangenen sind verpflichtet zu arbeiten. Dabei gibt es auch im Knast nicht genug Arbeitsplätze für alle. Um acht Uhr werden die Frauen abgeholt und zu den verschiedenen Arbeitsstellen im Haus gebracht. Es gibt eine Kantine, eine Wäscherei, verschiedene Putztätigkeiten und eine Lehrküche auf die man besonders stolz ist, denn bei der Gesellenprüfung schneiden die Lehrlinge der JVA Preungesheim im Gesamtvergleich immer besonders gut ab. Das ist eine der Möglichkeiten sich auf das Leben nach dem Gefängnis vorzubereiten. Daneben werden auch Computer- und Schreibkurse angeboten, an deren Ende man ein Zertifikat erhält. Für die Frauen, die beispielsweise keine Familie und keinen Bekanntenkreis mehr haben, gibt es eine Anlaufstelle von der Arbeiterwohlfahrt, die nach der Strafzeit Wohnungen und Arbeitsstellen vermittelt, und so einen Wiedereinstieg in die Gesellschaft möglich macht. Doch auch im Gefängnis stehen die MitarbeiterInnen dieser Stelle den Gefangenen mit Rat und Beistand zur Seite. Beide Frauen bestätigten, wie hilfreich eine solche Anlaufstelle ist und wie nötig es ist, um wieder Fuß zu fassen. Dabei steht die Zukunft dieser Stelle in den Sternen, denn die Zuschüsse des Landes Hessen, von denen ihre Arbeit zu einem großen Teil abhängt, wurden komplett gestrichen. Das sei skandalös, war aus der Runde zu hören, wo allen klar war, dass hier an einer Stelle gespart wird, die so dringend nötig ist, um ein neues Abgleiten von Menschen, die frisch aus dem Gefängnis kommen, zu verhindern. Die beiden Gäste des BDP waren sich allerdings sicher, ihre Lektion gelernt zu haben: "Ich komme nicht noch einmal ins Gefängnis". Davon waren die ZuhörerInnen überzeugt. Am Ende der Veranstaltung, als man so richtig warm miteinander wurde, kam dafür die Bestätigung: "Ich hatte mir Euch ganz anders vorgestellt!" Die nächste Veranstaltung in der Reihe "Politur" folgt am 13. Dezember. Dann dreht sich alles um Literatur beim BDP. "Der Literarische Exzess zum Thema Sport" findet ab 20.00 Uhr, dem Thema entsprechend, im Foyer der Schulsporthalle statt. BDP Babenhausen |