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Resolution
"Jugendarbeit erhalten und verbessern"
Als von den
aktuellen Eingriffen nicht direkt betroffene WissenschaftlerInnen,
die sich mit Jugendarbeit in Forschung und Lehre, Theorie- und Konzeptentwicklung
beschäftigen, kritisieren wir die beginnende Zerstörung
der bisherigen Infrastruktur der Jugendarbeit. Wir fordern ihren
Erhalt durch Träger und Förderer.
Das tun wir, weil wir in der außerschulischen Jugendarbeit
weiterhin ein unverzichtbares Lern- und Erfahrungsfeld für
Kinder und Jugendliche erkennen. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz
(§ 11) gibt Kindern und Jugendlichen das Recht auf einen von
ihnen gestaltbaren Freiraum, der sich ganz den Interessen der Kinder
und Jugendlichen und ihrer Selbstbildung widmet. Jugendarbeit ist
ein Lernfeld, das Jugendlichen die Möglichkeit gibt, die Chancen
demokratischer Gestaltung zu erfahren.
Vielfältige Forschungen zeigen, dass Kinder und Jugendliche
das Angebot der Jugendarbeit vielfach als ein nicht fremdbestimmtes
Lern- und Handlungsfeld nutzen und es sehr schätzen. Die (offene)
Kinder- und Jugendarbeit steht derzeit vor Herausforderungen bislang
ungekannten Ausmaßes, die sich kaum mehr mit einer Zuordnung
zu einer periodisch wiederkehrenden Krise decken lassen. Eine sich
wechselseitig beschleunigende Konstellation aus umfassenden gesellschaftspolitischen
Umbrüchen, anhaltender (jugend)politischer Ratlosigkeit und
vorgeblich alternativlosen Spar- und Kürzungszielen stellt
auch die bisherige Funktion der Kinder- und Jugendarbeit in beispielloser
Weise in Frage. Hatte die Jugendarbeit sich jahrelang Klagen über
- von statistischen Daten nicht zu belegende - Kürzungen hingegeben,
so ist tatsächlich seit 2002 - und verstärkt aktuell -
ein massiver Abbau von Fördermitteln, Stellen und Einrichtungen
zu beobachten. Hinzu kommt der Trend, Einrichtungen und Dienste
der offenen Kinder- und Jugendarbeit den Schulen zu unterstellen
und damit den eigenständigen Charakter und die besonderen pädagogischen
Chancen außerschulischer Bildung aufzuheben. Die von Schule
häufig vorgegebenen Aufgaben von Betreuung, Sozialarbeit, Lernhilfe
und sozialer Kontrolle sind nicht mehr Jugendarbeit im Sinne des
Kinder- und Jugendhilfegesetzes.
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Jugendarbeit
als eigenständiges Lern- und Erfahrungsfeld ist keineswegs
verzichtbar. Die anhaltenden gesellschaftlichen Krisen und Modernisierungsrisiken
setzen Lernprozesse im Umgang mit Pluralität, Komplexität
und Ungewissheit auf die Tagesordnung. Angesichts vielfacher
Unwägbarkeiten, Ungewissheiten und Risiken der Lebensführung
bedarf es in besonderem Maße hierfür angemessener
Orte und Professionen, in denen Jugendliche ihre individuellen
biografischen Optionen austesten können. Hierfür steht
die Jugendarbeit als expliziter außerschulischer Lern-
und Bildungsort.
Festzustellen ist aber, dass - entgegen aller Bildungs- und
Zukunftsrhetorik - gerade die für Jugendliche ausgewiesenen
Bildungsorte Schule, Hochschule, berufliche Bildung und Jugendarbeit
zunehmend auf die Funktion reduziert werden, vermeintlich arbeitsmarktrelevante
Kompetenzen zu produzieren. Prozesse der umfassenden Persönlichkeitsbildung,
die Zeit und Ruhe benötigen, scheinen als überflüssiger
Luxus zu gelten.
Festzustellen ist auch, dass die numerische Anzahl Jugendlicher
in den nächsten Jahren noch anwächst, während
die hierzu dringend erforderlichen Begleit- und Unterstützungsstrukturen
dem entgegen abgebaut werden. Festzustellen ist zudem, dass
eine Jugendpolitik, die diesen Namen verdient, derzeit weder
auf Bundes-, Landes- noch auf kommunaler Ebene vorzufinden ist.
Das für die Jugendarbeit grundlegende Verständnis
von Bildung als Selbstbildung in offenen Prozessen ist eine
unverzichtbare Antwort auf die derzeitigen gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen. Jugendarbeit versteht Bildung als ein Reservoir
von Möglichkeiten und Potenzialen - und nicht als Kanon
ein für allemal festgelegter Fähigkeiten und Fertigkeiten.
Denn eine solche Festlegung bedeutete, dass lediglich auf bekannte
Anforderungen mit bekannten Lösungen reagiert und damit
verhindert bzw. verunmöglicht würde, dass auf offene,
jetzt noch nicht klar konturierte Themen mit offenen Auseinandersetzungen,
probendem Experimentieren und reflektiertem Einlassen reagiert
würde. Die Rahmenbedingungen des Freiraums Kinder- und
Jugendarbeit ermöglichen eine emanzipatorische Bildung,
die weiter geht als die auf Leistungsabschlüsse orientierte,
funktionalisierende Ausbildung an Schule. Selbstbestimmung und
demokratische Mitverantwortung können nicht didaktisch-curricular
erzeugt oder erzwungen werden. Diese Fähigkeiten können
Kinder und Jugendliche entwickeln, wenn ein sozialer und materieller
Raum zur Verfügung steht, den sie tatsächlich nach
eigenen Interessen selber bestimmen und gestalten können.
Nur wenn Freiheit eröffnet wird, kann man lernen mit ihr
umzugehen. Jugendarbeit hat große Potenziale als pädagogisch
begleiteter, wo nötig schützender und verteidigender
Erfahrungsraum zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und
der Entwicklung des Eigenen zu vermitteln.
Kinder- und Jugendarbeit hat in den vergangenen Jahren diese
Potenziale nicht zureichend ausgeschöpft und die schwierige
Aufgabe "in Freiheit zur Freiheit" zu bilden, zu wenig
genutzt. Wir erkennen aber, dass selbst wenn die - auch von
uns formulierten - konzeptionellen Ansprüche an Kinder-
und Jugendarbeit nicht optimal umgesetzt wurden, die Kinder-
und Jugendlichen selber die Angebote der Jugendarbeit doch sehr
positiv bewerten und für sich und ihre Entwicklung nutzen.
Sie schätzen Jugendarbeit als ein Lernfeld, in dem ihre
Interessen aufgegriffen werden, in dem sie in ihrer Eigenständigkeit
und mit ihren Fähigkeiten anerkannt und unterstützt
werden, in dem sie lernen, selbstbestimmt Verantwortung zu übernehmen;
in dem sie üben, mit Unterschieden konstruktiv umzugehen
und Konflikte zu bewältigen.
Besonders für gesellschaftlich marginalisierte Kinder und
Jugendliche ist Jugendarbeit eine wichtige Ressource und Förderung.
In der Jugendarbeit werden sie nicht als defizitäre Problemgruppen
sozialtechnisch bearbeitet, diszipliniert und befriedet. Statt
dessen vermittelt Jugendarbeit ihnen Anerkennung und entdeckt
ihre Mündigkeitspotenziale und Stärken, die gerade
mit dieser positiven Unterstellung gefördert werden können.
In dem Maße, wie nunmehr kurzatmig Strukturen der Kinder-
und Jugendarbeit zerschlagen werden, wird ein ganzes Arbeitsfeld
zukunftsorientierter Lebensbewältigung in großen
Anteilen zur Disposition gestellt. Zugleich werden damit in
fahrlässiger Weise strukturell genau die Probleme befördert,
die hernach anhand öffentlichkeitswirksam und medienhysterisch
aufbereiteter Einzelfälle - die sich keineswegs zufällig
um die Institution Schule zentrieren - zum Anlass für ebenso
panikartige Aktionismen genommen.
Vor dieser Sachlage ist den pädagogisch,
wissenschaftlich und politisch für Jugendarbeit Verantwortlichen
zu empfehlen, folgende Anforderungen anzuerkennen:
1. Jugendliche benötigen verlässliche
und stabile Angebote der Jugendarbeit, die durch
Aktionsprogramme nicht ersetzt werden können.
2. Wichtig ist eine Jugendarbeit,
die sich konsequent als "Bildungspraxis" und "Hilfe
zur
Lebensbewältigung" versteht. Dies gilt insbesondere
in den vielfach sich abzeichnenden
Kooperationen mit Schule. Sie machen nur Sinn, wenn Jugendarbeit
ihren spezifischen
Charakter und ihre institutionelle Eigenständigkeit behält
und in Distanz und Differenz, eng
an den Interessen der Kinder und Jugendlichen für diese
jugendarbeiterische Bildung und
Lebensbewältigung selbst an Schule eröffnen könnte.
3. Jugendarbeit selber muss besser
werden, um solche Bedarfe und Bildungschancen optimal
aufzugreifen. Dazu muss die Infrastruktur der Jugendarbeitseinrichtungen
und Angebote für
Kinder und Jugendliche im Prinzip erhalten werden. Jugendarbeit
muss sich aber selbst auch
mit den wandelnden Bedürfnissen und Lebenssituationen ihrer
AdressatInnen verändern.
Kinder- und Jugendarbeit kann nicht so bleiben wie sie ist,
aber sie muss bleiben.
4. Wünschenswert ist die Überwindung
institutioneller und verbandlicher Eigeninteressen
zugunsten einer übergreifenden strategischen Solidarität,
die nicht durch einzelne
Finanzanreize auseinander zu dividieren sein dürfte.
5. Zu leisten wäre schließlich
eine reflektierte "Re-Politisierung" der Jugendarbeit
angesichts
der Tatsache, dass auch noch so gutes fachliches Handeln allein
keineswegs davor schützt,
allfälligen "Sparzwängen" jählings
"geopfert" zu werden. Entgegen der Professionsmaxime
"Wissen, was man tut" käme es nunmehr darauf
an, auch zu tun, was man weiß.
UnterzeichnerInnen:
Dipl. Päd. Andreas Belle, Uni Bielefeld; Prof. Dr. Christian
Bernzen, KFH Norddeutschland; Bärbel Bimschas, FH Darmstadt;
Anne Blezinger, Uni Göttingen; Dipl. Rel. päd. Mike
Breitbart, EFH Darmstadt; Prof. Dr. Anna Dorothea Brockmann,
Uni Bremen; Prof. Dr. Ingrid Burdewick, FH Oldenburg/Ostfriesl./Wilhelmsh.;
Prof. Dr. Karl August Chassé, FH Jena; Peter Cloos, Uni
Kassel; Dr. Thomas Coelen, Uni Bielefeld; Prof. Dr. Heinz Cornel,
Alice Salomon-HS Berlin; Dr. Ulrich Deinet, FH Düsseldorf;
Dipl.-Päd. Wiebken Düx, Uni Dortmund; Klaus Farin,
Archiv der Jugendkulturen Berlin; Wolfgang Fänderl, Uni
München; Prof. Dr. Joachim Faulde, KFH NW. Abt. Paderborn;
Katrin Fauser M.A., FU Berlin; Prof. Dr. Lutz Finkeldey, FH
Hildesheim; Prof. Dr. Josef Freise, KFH NW. Abt. Köln;
Prof.Dr. Günter J.Friesenhahn, FH Koblenz; Dipl. Päd.
Dieter Frohloff, EFH Bochum; Prof. Dr. Johannes Fromme, Uni
Magdeburg; Dipl.-Päd.Julia von der Gathen-Huy, Uni Dortmund;
Prof. Dr. Benno Hafeneger, Uni Marburg; Prof. Dr. Franz Hamburger,
Uni Mainz; Prof. Dr.Peter Hansbauer, FH Münster; Dr. Wilfried
Hellmann, KFH Norddeutschland; Prof. Dr. HansGünther Homfeldt,
Uni Trier ; PD Dr. Caroline Hopf, Uni Erlangen-Nürnberg;
Prof. Dr.Christine Huth-Hildebrandt, FH Frankfurt/M; PD Dr.
Lena Inowlocki, Uni Frankfurt/M; Fabian Kessl M.A. Uni Bielefeld;
Prof. Dr. Rainer Kilb, FH Mannheim; Prof. Dr. Uta Klein, FH
Kiel; Prof. Dr. Raingard Knauer, FH Kiel; Dr. Michaela Köttig,
Uni Göttingen; Prof. Dr. Franz Josef Krafeld, Hochschule
Bremen; Ernst-Uwe Küster, Uni Kassel: Dr. Margitta Kunert-Zier,
FH Frankfurt; Prof. Dr. Timm Kunstreich, EFH Hamburg; Dr. Nadia
Kutscher,
Uni Bielefeld; Dr. Werner Lindner, FH Jena; Ulrike Loch, Uni-Kassel;
Prof. Dr. Kurt Möller, Hochschule für Sozialwesen
Esslingen; Dipl.-Päd. Heinz Müller, Institut für
Sozialpädagogische Forschung Mainz (ism); Prof. Dr. Bruno
W. Nikles, Uni Duisburg-Essen; Prof. Dr. Frank Nieslony, EFH
Darmstadt; Annette Ortlieb, BPJM; Prof. Dr. Hilmar Peter,Uni
Bielefeld; Prof. Dr. Rolf Pfeiffer, EFH Reutlingen-Ludwigsburg;
Prof. Dr. Uwe Rabe, FH Münster; Dr. Christian Reutlinger,
TU Dresden; Dipl. Päd. Martina Richter, Uni Bielefeld;
Prof. .Dr. Heinz A. Ries, Uni Trier; Prof. Dr. Lotte Rose, FH
Frankfurt/M.; Erich Sass M.A., Uni Dortmund; Prof. Dr. Albert
Scherr, PH Freiburg; Prof. Dr. Stefan Schnurr, FH Aargau: Prof.
Dr. Achim Schröder, FH Darmstadt; Dr. Jörgen Schulze-Krüdener,
Uni Trier: Prof. Dietmar Seeck, Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesl./Wilhelmsh.;
Prof. Dr. Uwe Sielert, Uni Kiel; Prof. Dr. Titus Simon, Hochschule
Magdeburg-Stendal; Prof. Dr. Hiltrud v. Spiegel, FH Münster;
PD Dr. Stephan Sting, TU Dresden; Prof. Dr. Gerd Stüwe,
FH Frankfurt/M; Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker, FH Kiel; Prof.
Dr. Ute Straub, FH Frankfurt; Susanne Ulrich, Uni München;
Dipl. Soz. Arb. Thomas Weber, Hochschule Niederrhein: Prof.
Dr. Norbert Wohlfahrt, EFH Rheinland-Westfalen-Lippe; Dr. Holger
Ziegler, Uni Bielefeld; Prof. Dr. Dieter Zimmermann, EFH Darmstadt
Kontakt: benedikt.sturzenhecker@fh-kiel.de
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